»Im Spannungsfeld zwischen Himmel und Erde«

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Kapitel I


Eine neue Kultur, entstanden aus einer neuen Bewusstseinslage?
Der erste Sprung in ein selbstbestimmteres Dasein. 

 

Hat es je eine zentrale Religion gegeben, von der sich die Großsteinkultur ausbreitete? Die alte Vorstellung, nach der sich die Megalithkultur mit einer einheitlichen Entstehung und Entwicklung von Palästina über die östlichen Mittelmeerländer nach Europa ausbreitete, scheint heute immer fraglicher. Die Vermutung liegt nahe, dass es nicht ein einzelnes Volk gewesen sein kann, das vom Zwischenstromland, Ägypten oder Jordanien aus die Gepflogenheit des Aufstellens von Kultsteinen längs der mittelmeerischen Küsten sowie den Flüssen aufwärts folgend, bis ins innere Europa, verbreitet hat. In allen Regionen scheint es vielmehr, dass sich mit dem Erreichen einer bestimmten Kulturstufe derselbe religiöse Gedanke verbreitete und die Großstein-Konstrukteure beseelt haben.

Letztlich kann man nur von einer kollektiven, weltumspannenden Weltanschauung sprechen, die ihren jeweiligen regionalen Ursprung in ähnlichen Bewusstseinszuständen und Wirtschaftsweisen hatte. Was war aber der gemeinsame religiöse Gedanke, der so unterschiedliche Gemeinschaften dazu antrieb, einzelne große Steine oder Großsteinkonstruktionen aufzustellen?

Die Jäger und Sammler eines altsteinzeitlichen Bewusstseinszustandes, die sich durch magische Praktiken (Felshöhlenzeichnungen) des Jagdglücks durch die Gunst von Sonne, Mond und Erdgeistern zu sichern suchten, kamen allmählich zur Sesshaftigkeit. Es bildeten sich die ersten Strukturen einer nun bäuerlichen Kultur heran, die von den Fruchtfolgen auf den Feldern sowie der Züchtung ihrer Haustiere abhängig wurden. Folgerichtig bildete sich im Gegensatz zu den von den Gestirnen geleiteten Jäger- und Sammlerkulturen jetzt zunehmend die religiöse Vorstellung des Mütterlichen aus, das für die Existenz der neuen Kultur den Schoß allen Lebens bedeutete.

Die Kulte der großen Erdmutter, der Magma Mater, setzten sich jetzt örtlich eingebunden gegen die Kultvorstellungen der vormals umherziehenden Jäger und Sammlergemeinschaften durch, denen die Gestirne des Himmels als ordnende, wegweisende und einteilende Bilder gedient hatten.

Das Wesen der Erde ist das Gestein der Erde, das in sich die Information seiner Entstehung trägt, sei es im Ablagerungsgestein (Sediment) oder in seiner sichtbaren Gestaltung aus Glutfluss und Feuer wie bei Graniten und Lavagestein.

Was brachte nun die Menschen der neuen bäuerlichen Kulturen dazu, mit großen Steinsetzungen in der Natur präsent zu sein?

Die Anfänge werden einen recht archaischen Ursprung gehabt haben, den jeder aus sich selbst kennt: Ein Areal, auf dem man verweilte oder auf dem man verbleiben will, wird durch deutlich sichtbare Marken bezeichnet und abgegrenzt. Die von den neu entstandenen bäuerlichen Gemeinschaften aufgerichteten Großsteine symbolisierten aber vor allen Dingen eine neue Lebenshaltung. Aus den vorher weitgehendst vom Jagdglück Abhängigen, waren jetzt stolze, ihrer Möglichkeiten bewusste Macher geworden, die mit künstlerischen Mitteln ihr neues Stück Selbständigkeit demonstrierten.

Der Archäologe Klaus Schmidt, der in Anatolien die monumentalen Tempelanlagen von Göbekli Tepe ausgräbt, geht in seinen Vorstellungen sogar noch einen erheblichen Schritt weiter: „Weil die Wildbeuter zu Bildhauern wurden, waren sie auf die Sesshaftigkeit gekommen“, glaubt er zu erkennen (Die Versammlungsstätten der Ahnen). Vorstellbar, so meine ich, ist diese Überlegung, dass nämlich der Mensch erst einmal in der Kunst etwas ausprobiert, darüber in eine neue Bewusstseinslage gelangt und dann seine existenziellen Grundlagen verändert.

Wie auch immer, der aufgerichtete Menhir manifestiert ein neues Lebensgefühl: eine zu Stein gewordene Manifestation des Menschen zu einem selbstbestimmten, beschützten Sein. An den selbsterrichteten, großen Steinen konnte man sich aufrichten und einen neuen Glauben an die eigene Kraft gewinnen. Man konnte sich als Mitgestalter der Erde betrachten, der durch gute Beobachtung der Naturvorgänge und durch geschicktes Handeln unabhängiger von den chaotischen Wechselspielen der Natur und dem Jagdglück der Jäger geworden war.

Man kann aber auch noch etwas anders von den Großsteinanlagen ablesen, das Bedürfnis nach Schutz und Geborgenheit. Die Suche nach innerer Sicherheit und Geborgenheit sowie die Bestätigung des eigenen Handelns wird ein weiterer Handlungsaspekt der Großsteinleute gewesen sein.

Auf den jetzt selbst in Besitz genommenen und bearbeiteten Äckern und Feldern mussten ergiebige Fruchtfolgen gelingen und die Zucht der Haustiere erfolgreich sein. Nur so konnte die neue Existenzgrundlage gesichert werden. Der jetzt örtlich begrenzte Raum, von dem das Wohl oder Wehe vieler Menschen abhing, musste gestärkt und gegen die dem Menschen nicht zuträglichen Kräfte der Natur geschützt sein. Die fruchtbaren Kräfte der großen Erdmutter konnten dem Land den nötigen Segen bringen. Der errichtete Großstein sollte wohl auch die Kräfte der Mutter Erde an diese Plätze lenken, ihr galt die religiöse Verehrung, ihr wurde geopfert, und gegen ihre Gesetze durfte nicht verstoßen werden.

Die alten Glaubensvorstellungen der lebensordnenden Kräfte der Gestirne, die für die vorherigen Jäger und Sammler so wichtige Ordnungsgewalten gewesen waren, werden auch für die Menschen des Megalithikums weiter eine große Verbindlichkeit behalten haben. In den Großsteinanlagen können beide religiösen Vorstellungen in friedlicher Koexistenz miteinander gelebt und sich zu einem neuen Ganzen verbunden haben. Beide Kräfte lassen sich im errichteten Stein zu der Kraftentfaltung des immer wieder neu geborenen Lebens vereinen. Auch der Erde ungebärdete Kräfte konnten durch die ordnende Kraft der Gestirne positiv gerichtet werden.

Die ordnenden, wegweisenden und einteilenden Mächte des Himmels werden deshalb weiterhin gründlich beobachtet und bewertet worden sein. Spätestens mit der Auffindung der Himmelsscheibe von Nebra sowie der Sternwarte von Gosek hat dieser Aspekt auch in der wissenschaftlichen Betrachtung zusätzliche Beachtung gefunden. Drei Kräfte waren wohl an den Megalithmenschen wirksam: das neu erworbene Selbstbewusstsein der bäuerlichen Macher, der Glaube an die lebensspendenden Kräfte der Erde und der Glaube an die ordnenden Mächte des Himmels.